11. Februar 2007 - 18:55

Die Erste Nummer 1 - Interview mit Bernd Hiemer

Bernd Hiemer ist der erste deutsche Super-Moto Weltmeister. Nach EM- und DM-Titeln kam die Krönung des erst 23-jährigen Allgäuers nicht von ungefähr. Die Karriere des KTM-Werksfahrers verlief immer nur schnörkellos geradeaus nach oben. Und das wird auch 2007 so bleiben.

Vor drei Jahren besuchte MCE Bernd Hiemer zu Hause in der Drei-Häuser-Siedlung Ellmeney-Friesenhofen am Rande von Leutkirch. Vater Eddy war damals (und ist heute) Motorradhändler und Landwirt, der "kleine" Bruder Dani verdiente seine ersten Super-Moto Sporen und Bernd war auf Zupin-Husqvarna mit 20 Jahren sensationell Europameister geworden. Bernds Freundin hieß Natascha und sie heißt auch heute noch so. Auf den ersten Blick hat sich in Friesenhofen in den drei Jahren so gut wie nichts geändert. Nur dass Bernd und Natascha jetzt am eigenen Heim neben dem Elternhaus werkeln.

Sportlich aber liegt eine Welt zwischen damals und heute. Bernd kaufte sich 2004 aus dem Zupin-Vertrag raus, weil er als KTM-Werksfahrer die besseren Chancen sah, als Sumo-Profi ganz nach oben zu kommen. Nach der Vizeweltmeisterschaft 2005 verlor der 1,75 Meter große Elektriker seinen Werksfahrerstatus, weil KTM sich werksseitig aus der unbefriedigend vermarkteten WM zurückzog. Bernd ging seinen Weg unbeirrt weiter. Im italienischen Team Migliorati fuhr er auch dieses Jahr mit Unterstützung aus Mattighofen in der großen Klasse WM. Das Ergebnis ist bekannt: Im vorletzten Rennen in Latina holte sich Hiemer als erster deutschsprachiger den WM-Titel in überlegener Manier, obwohl er sich mitten in der Saison das Kreuzband riss (siehe Interview).

Für den WM-Titel ließ der Allgäuer die DM und mögliche USA-Auftritte sausen. Er tauchte nur einmal auf der anderen Seite des großen Teiches auf - und klaute Ward, Henry und Co. gleich den Tagessieg!
Bernd Hiemers Super-Moto Karriere war eine stetige Weiterentwicklung sowohl Team-mäßig als auch in technischer Hinsicht, seine Vorbereitungen und seine sportliche Leistung betreffend.
Und so will er 2007 den nächsten konsequenten Schritt gehen: von der S1 - in die S1 -Klasse, aus der Open- in die neue Königskategorie 450. ?Ich möchte in den nächsten zwei Jahren in Europa auch diesen Titel gewinnen. Und wenn sich das realisieren lässt, könnte die USA ein Thema für mich sein", erklärt Bernd seine nächsten Ziele.

Dass er bei KTM einen neuen Zweijahres-Vertrag unterschrieben hat, hat vor allem folgenden Grund: ?KTM wollte in der großen Klasse bleiben. Als beschlossen wurde, dass die 450er die neue S1-Klasse wird und ich mich nach anderen Möglichkeiten umgesehen habe, hat KTM eingelenkt."
So wird Bernd im offiziellen KTM-Factory-Team 2007 in der WM mit einem neuen Motorrad (siehe Interview) Gas geben und vermutlich wieder in Zusammenarbeit mit dem italienischen Migliorati-Team und zu drei Zehntel in Italien gegen VDB und Co. um WM-Punkte fahren. Und um Punkte zur Italienischen Meisterschaft! Denn statt der Deutschen fährt B.H. 2007 die Italienische Meisterschaft. Zum einen ist das aus marktstrategischen Gründen von KTM so gewünscht. Zum anderen ?sind drei Rennen auf WM-Strecken und das ist natürliche eine perfekte Vorbereitung auf die WM", erklärt Bernd, den die Fans voraussichtlich frühestens 2009 wieder im Kampf um DM-Punkte erleben könnten. ?Freiburg und ein zweites Rennen in Deutschland will ich auf jeden Fall fahren, um mich den Fans zu zeigen." Mit DM-, EM- und 2006 WM-Titel ist Bernd Hiemer mit 23 Jahren längst auf dem Super-Moto Olymp angekommen. Kann er 2007 auch die 450er WM nach Hause holen, dann sollte die deutsche Offroadszene mit dem Bau eines Denkmals für den natürlich und bescheiden gebliebenen Allgäuer beginnen.

JEDER SCHRITT WURDE PROFESSIONELLER

Motocross Enduro: Heute vor drei Jahren warst du Europameister. In MCE 2/2004 haben wir erstmals eine Homestory über dich gebracht. Was hat sich in diesen drei Jahren, jetzt bist du die unumstrittene Nummer 1 der Welt, bei dir geändert?

Bernd Hiemer: Jeder Schritt, den ich gemacht habe, ist professioneller geworden. Ich war damals stinkefaul und habe gar kein Ausdauertraining gemacht. Inzwischen sind es fünf Tage Ausdauertraining in der Woche, zweimal täglich. Damals hatte ich ein Standardmotorrad, das in der Federung etwas auf mich abgestimmt war. Inzwischen ist es ein Prototyp, der direkt nach meinen Wünschen entwickelt wird. Im privaten Leben hat sich wenig geändert. Wir wohnen auf dem Dorf und die Leute, die mich heute kennen, kannten mich früher auch schon. Auf Prominenz lege ich überhaupt keinen Wert.
?Auf Prominenz lege ich keinen Wert"

Du hast die WM schon zwei Rennen vor Schluss überlegen gewonnen und das auch noch trotz eines Kreuzbandrisses mitten in der Saison.

Ja, beim Motocrosstraining Mitte Juli habe ich mir bei einem Sturz mehrere Muskeln angerissen. Drei Wochen später beim WM-Lauf in Sardinien bin ich, ohne zu stürzen, von einem Table direkt ins Flat gesprungen, habe mir das Knie nach hinten verdreht und dabei ist das Kreuzband gerissen. Das war beim ersten Lauf. Delepine ist vor mir ausgefallen und im zweiten Lauf habe ich den Start gewonnen. Somit konnte ich beide Läufe dort gewinnen.

Du fährst zwei weitere Jahre für KTM. Aber nächstes Jahr in der neuen 450-ccm-S 1 -Klasse. Mit welchem Motorrad?

Das diesjährige war Weiterentwicklung der SMR 560. Der Motor wurde auf 660 ccm aufgebohrt. In der 450er Klasse nächstes Jahr werde ich ein Motorrad auf der Basis der 450-F-Motocrossmaschine fahren. Es wird der neue Motor mit zwei Nockenwellen und mehr Drehmoment sein. Zum bisherigen Chassis gibt es eine neue Schwinge und die Tank/Sitzbank-Kombination wird völlig neu sein. Mein Motorrad das ich mit KTM fortentwickle, ist dann als 2008er Serienmodell der SMR 450F vorgesehen.

Du hast mit deiner Mentalvorbereitung vor den Rennen für sehr viel Wirbel gesorgt. Was hat es damit wirklich auf sich?

Da waren die wildesten Gerüchte im Umlauf. Tatsächlich konzentriere ich mich zum einen auf die Rennen, indem ich vorher die Augen schließe und in Gedanken die ganze Strecke durchfahre, mit allen Schall- und Bremspunkten. Das habe ich jetzt so weit, dass das vor mir wie ein Film abläuft. Zum anderen mache ich ein Mentaltraining, das im Red-Bull-Trainingszentrum für mich entworfen wurde. Da gehe ich ein Blatt mit Pfeilen und Zeichen durch, was mir dabei hilft, dass die beiden Gehirnhäuten miteinander korrespondieren.

Die Deutsche Meisterschaft konntest du dieses Jahr nicht gewinnen, weil DM und WM-Termine miteinander kollidierten. Nächstes Jahr soll das nicht vorkommen, aber Deutscher Meister kannst du wieder nicht werden.

Nein, da mit KTM vereinbart ist, dass ich nächstes Jahr die Italienische Meisterschaft fahre, wäre es dieses Jahr die letzte Chance gewesen, um die Deutsche Meisterschaft regulär mitzukämpfen. Ich werde nächstes Jahr voraussichtlich nur zwei DM-Läufe fahren, drei komplette Meisterschaften sind nicht machbar.

Jürgen Künzel ist als KTM-Topfahrer aus Amerika zurück. Wären für dich die USA ein Thema?

Mein Ziel ist es, in Europa nochmals Weltmeister zu werden. Wenn sich das in den nächsten zwei Jahren realisieren lässt. wäre es auch denkbar, nach Amerika zu gehen. Aber dann möchte ich mich darauf konzentrieren und ein oder zwei Jahre drüben bleiben.

Was erwartest du dir vom Umstieg in die neue S1-Klasse 450? Du triffst ja dort reihenweise auf Fahrer wie van den Bosch, Chambon, wahrscheinlich Künzel etc.

Einen Durchmarsch wird es sicher nächstes Jahr nicht so leicht geben. Sicher gibt es zurzeit im Super-Moto nur wenige Fahrer, wie Thierry oder auch mich, die über das ganze Jahr konstant schnell sind. Boris zum Beispiel fährt auf einer Strecke um den Sieg, auf einer anderen auf dem 10. Platz. Ich konnte dieses Jahr auf jeder Strecke konstant schnell fahren. Von daher denke ich, dass ich gut gewappnet bin.

Das wünschen dir die MCE-Leser jedenfalls herzlichst. Vielen Dank.

© mit freundlicher Genehmigung von MCE Aktuell - Das Offroadmagazin


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Stand: 01.09.11 - alle Angaben ohne Gewähr